»Propter Fructus Gratior«

Zur Geschichte der Akademie

Die Vorgeschichte der Erfurter Gelehrtenvereinigung reicht bis in das beginnende 18. Jahrhundert zurück. Damals trug sich der Leibniz-Schüler und kurmainzische Statthalter zu Erfurt (1702 bis 1717), der Reichsgraf Philipp Wilhelm von Boineburg (1652-1717), mit dem Gedanken, in der thüringischen Metropole neben der altehrwürdigen Erfurter Alma mater (1392-1816) eine eigene Akademie der Wissenschaften nach Pariser Beispiel ins Leben zu rufen. Aber Widrigkeiten mannigfacher Art sowie Krankheit und Tod bereiteten schließlich seinen wegweisenden Bemühungen ein jähes Ende. Einige Jahrzehnte danach machte dann der hiesige Universitätsprofessor der Medizin Andreas Elias Büchner (1701-1769) Erfurt von 1736 bis 1745 zum Sitz der 1652 von Schweinfurter Ärzten aus der Taufe gehobenen »Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina«, heute Nationalakademie mit Sitz in Halle, deren Bibliothek und deren Sammlungen noch bis 1805 in den Mauern der Stadt verblieben.

Die eigentliche Geburtsstunde der »Akademie gemeinnütziger Wissenschaften« zu Erfurt schlug wenig später am 19. Juli 1754. An diesem Tag stellte der kurfürstliche Landesherr, der Mainzer Erzbischof Friedrich Karl von Ostein (1743-1763), den Stiftungsbrief für die »Churfürstlich-Mayntzische Gesellschaft oder Academie nützlicher Wissenschaften« zu Erfurt aus. Sie war damit nach der Berliner (1700) und Göttinger (1751) Akademiegründung die drittälteste ihrer Art in Deutschland und diente zugleich der 1759 errichteten Bayerischen Akademie der Wissenschaften als unmittelbares Vorbild.

Spiritus rector und erster Sekretär der jungen »Akademie nützlicher Wissenschaften« zu Erfurt war der hiesige Universitätsprofessor der Philosophie und Medizin Johann Wilhelm Baumer (1779-1788). Bestrebt, die Erfurter Akademie zu einer echten Pflegestätte der modernen medizinisch-naturwissenschaftlichen Forschung sowie eines ungehinderten nationalen und internationalen Erfahrungsaustausches auf dem Gebiete dieser sog. nützlichen Wissenschaften zu entwickeln, erwirkte er für sie 1755 die landesherrliche Zustimmung und Unterstützung hinsichtlich der Errichtung eines Anatomischen Theaters, eines Botanischen Gartens und eines Chemischen Laboratoriums. Aber auch die gleichzeitig erfolgende Übernahme der bereits 1754 von den Erfurter Progressisten als Kommunikationsorgan herausgegebenen »Erfurtische gelehrte Nachrichten« und die Edition der »Acta Academiae Electoralis Moguntinae Scientiarum utilium quae Erfordiae est« gingen auf seine tatkräftige Mitwirkung zurück. Auf diese Weise trug er maßgeblich dazu bei, der Erfurter Akademie der Wissenschaften schon bald im In- und Ausland einen weithin anerkannten Ruf zu sichern, von dem die Namen der neu aufgenommenen Mitglieder - die ersten von insgesamt 2000 bis zum Jahre 1945 - ein beredtes Zeugnis abzulegen vermögen.

Als J. W. Baumer Erfurt 1765 verließ, um nach Gießen zu gehen, verfiel die Akademie in einen komaähnlichen Zustand; nicht zuletzt mitbedingt durch den Verlust ihrer Institute, die im Zuge der Universitätsreform von 1768 in den Besitz der Hierana übergegangen waren. Diesen Niedergang beendet zu haben, bleibt das historische Verdienst des aufgeklärten kurmainzischen Statthalters von Erfurt (1771-1802), des Freiherrn Carl Theodor Anton Maria von Dalberg (1744-1817).

Im Jahre 1775 vom Mainzer Kurfürsten zu ihrem Spezialprotektor ernannt, leitete er ab 1776 die zweite große Blütezeit in der Geschichte der Erfurter Akademie der Wissenschaften ein. Sah er in ihr doch ein Betätigungsfeld, von dem er - der leidenschaftliche Beförderer des deutschen Geisteslebens - hoffte, auf ihm seine Kräfte endlich voll entfalten und sich umfassend selbst verwirklichen zu können.

Die darniederliegende Sitzungs- und Publikationstätigkeit erfuhr nunmehr einen immensen Aufschwung, unterstützt durch einen lebhaften Schriftenaustausch und das öffentliche Ausschreiben von Preisfragen, mit deren Hilfe man aktuelle Zeitprobleme einer Lösung näherzubringen versuchte. Auch der Bau eines neuen Chemischen Laboratoriums und die Einrichtung eines Observatoriums für die Akademie (1776 ff.) waren das ureigene Werk Dalbergs. Geleitet von dem zeitgemäßen Wunsch, sich weiterhin vor allem jener Wissenschaften anzunehmen, deren Ergebnisse direkt oder indirekt einen praxiswirksamen ökonomischen Nutzen zu erbringen versprachen, vermied es Dalberg jedoch geflissentlich, in bezug auf die Nützlichkeit geistiger Arbeit eine seiner eigenen Natur widersprechende Engstirnigkeit und Intoleranz an den Tag zu legen. Die stattliche Anzahl berühmter Neuaufnahmen während seines Spezialprotektorates liefert hierfür den besten Beweis. Überdies gelang es ihm, den bis dahin bestehenden unseligen Dualismus zwischen der Erfurter Akademie der Wissenschaften und der Erfurter Alma mater endgültig zu überwinden und durch eine beide Institutionen wechselseitig befruchtende Atmosphäre des gedeihlichen Miteinanders zu ersetzen.

Ehemalige Institute und Abteilungen der Akademie

  • Botanischer Garten (gegr. 1755) Anatomisches Theater (gegr. 1755)
  • Bibliothek (gegr. spätestens 1757)
  • Naturaliensammlung (gegr. spätestens 1757)
  • Chemisches Laboratorium (gegr. 1777)
  • Observatorium (gegr. nach 1777)
  • Kommission zur Untersuchung der Naturkunde des Erfurter Gebietes (gegr. 1761)
  • Arbeitsgemeinschaft zur wissenschaftlichen Erforschung der Erfurter Heimat (gegr. 1926)
  • Abteilung für Erziehungswissenschaft und Jugendkunde (gegr. 1926)
  • Abteilung für Wirtschaft und Verwaltung (gegr. 1929)

Im Jahre 1802 ging Erfurt nach 800jähriger Zugehörigkeit zum Erzbistum Mainz an das Königreich Preußen über. Anstelle der Mainzer Erzbischöfe traten fortan die preußischen Könige bzw. die Hohenzollern als neue Protektoren bzw. Präsidenten der Erfurter Akademie in Erscheinung. Mit diesem Wechsel der politischen Verhältnisse brach für die hiesige Gelehrtenvereinigung zugleich eine Zeit tiefer existentieller Verunsicherung an. Dieser Zustand dauerte auch fort, als Erfurt von 1806 bis 1813 einen integralen Bestandteil des Imperiums Napoleons I. bildete. Immerhin nutzte die Akademie diesen neuerlichen politischen Umschwung, um in verstärktem Maße Verbindungen zu den bedeutendsten Vertretern der weltweit an erkannten französischen Naturwissenschaften aufzunehmen. Kaum waren aber die Befreiungskriege beendet, und kaum war Erfurt wiederum preußisch geworden, nahte das schicksalsschwere Jahr 1816. Es brachte der Stadt die zwangsweise Auflösung seiner berühmten Universität und stellte der nunmehrigen, seit 1814 in ihrer Existenz endlich wieder voll gesicherten »Königlichen Akademie gemeinnütziger Wissenschaften« zu Erfurt die zusätzliche Aufgabe, künftig nicht zuletzt auch Treuhänderin der großen humanistischen Tradition der einstigen Alma mater Erfordiensis zu sein.

Die Akademie hat sich dieser Verpflichtung stets nach bestem Vermögen würdig zu erweisen versucht. Aber der Verlust an eigenem akademischen Hinterland und an adäquater geistiger Substanz lastete nahezu ein Jahrhundert hindurch schwer wie ein Schatten auf ihrem ferneren Werdegang. Auch personelle Anleihen, insbesondere bei den Nachbaruniversitäten Jena und Halle, vermochten daran nur noch wenig zu ändern. Das rege geistige Leben der Baumer- und Dalberg-Ära, einschließlich der Publikationstätigkeit, begann allmählich zu verkümmern, das Chemische Laboratorium und das Observatorium stellten ihre Arbeit ein und mit dem langsamen Verfall der von der Aufklärung geschaffenen traditionellen Grundlagen ging zugleich eine jahrzehntelange Suche nach einem neuen, richtungsweisenden Ausgangspunkt für die zukünftige Entwicklung der Akademie einher. Was unangetastet blieb, war ihr Ansehen, das es weiterhin zahlreichen hervorragenden Persönlichkeiten des In- und Auslandes zur besonderen Ehre gereichen ließ, ihr als Mitglieder anzugehören.

Die bisherigen Namen der Erfurter Sozietät

  • 1754 Churfürstlich Mayntzische Academie nützlicher Wissenschaften
    (auch »Academiae Electoralis Moguntinae Scientiarum« genannt)
  • 1802/1806 Academie nützlicher Wissenschaften
    (auch »Akademie der Wissenschaften« bzw. »Académie des sciences« genannt)
  • 1814 Königlich Preußische Academie nützlicher Wissenschaften zu Erfurt
  • 1819 Königliche Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt
  • 1918 Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt

Nach der Jahrhundertmitte trat dann die Akademie in eine Phase der allseitigen kontinuierlichen Stabilisierung ein, die schließlich in einen neuerlichen geistigen Aufschwung einmündete. In bewußter Selbstbeschränkung hatte sie sich damals einen neuen Standort gewählt, der vorwiegend durch die Gegebenheiten und die historischen Überlieferungen des mitteldeutschen Raumes bestimmt wurde. Seit langem schon aller einschlägigen Einrichtungen und völlig außerstande, die immer aufwendiger werdende medizinisch-naturwissenschaftliche Forschung aus eigener Kraft zu reaktivieren, begannen zeitgleich die weniger kostenintensiven Geisteswissenschaften die einstmals führende Rolle der »nützlichen Wissenschaften« zu übernehmen. Das spiegelt sich deutlich in der Aufnahme neuer Mitglieder von Rang, in der regen Sitzungstätigkeit und in dem Inhalt der »Jahrbücher« wider, die ab 1860 regelmäßig unter ihrer Regie erschienen und damit jene Stelle einnahmen, welche vordem die verschiedenen Publikationsorgane der Akademie sowie deren »Acta« innehatten.

Das Ende des 1. Weltkrieges, die Abschaffung der Monarchie und der Übergang zu einer demokratischen Staatsform in Deutschland nötigten dann auch die Erfurter Akademie der Wissenschaften zu einer erneuten, zeitgemäßen Standortbestimmung, die den eingetretenen Veränderungen in Staat und Gesellschaft gebührend Rechnung zu tragen hatte. Diese Standortbestimmung mußte von einer kritischen Bestandsaufnahme ausgehen, die eine einhundertjährige Entwicklung umfaßte. In diesem Zusammenhang war es unumgänglich, Inhalt und Form ihrer Arbeit grundlegend neu zu präzisieren, sich auf manchen Gebieten von der konservativen Grundhaltung vergangener Zeiten zu trennen und alles in allem den Aufbruch zu historisch neuen Ufern zu wagen. Diesen Forderungen hat die Akademie in hohem Maße gerecht zu werden versucht. Neue Wege beschreitend sowie Bewährtes bewahren und fortentwickelnd, begnügte sie sich dabei nicht damit, ihre bisherige regionale Bezogenheit durch die Gründung einer Abteilung zur Erforschung der Erfurter Heimat (1926) sowie einer weiteren Abteilung für Wirtschaft und Verwaltung Mitteldeutschlands mit beigeordneter Wirtschaftswissenschaftlicher Gesellschaft (1929) entsprechend zu unterstreichen und zu intensivieren. Vielmehr gelang es ihr zudem, durch die Errichtung einer speziellen Abteilung für Erziehungswissenschaft und Jugendkunde (1926) erstmalig wieder ein nationales Eigenprofil zu gewinnen und mit Erfolg aus dem bisherigen Dunstkreis preußisch-deutscher Provinzialität herauszutreten. Gleichzeitig verstärkte und differenzierte sie ihre Publikationstätigkeit und ihre auf Breitenwirkung angelegte Öffentlichkeitsarbeit. Hinzu kamen ihre kommunalpolitischen Aktivitäten, die 1919 mit zur Gründung der Erfurter Volkshochschule und 1929 zur Errichtung einer Pädagogischen Akademie in Erfurt führten. Aber die Machtübernahme des Nationalsozialismus im Jahre 1933 bereitete diesem hoffnungsvollen Beginn einer neuen, zukunftsträchtigen Ära in der Geschichte der Erfurter Akademie ein jähes Ende. Es folgte sechs Jahre später der Ausbruch des verhängnisvollen 2. Weltkrieges, der die Erfurter Gelehrtenvereinigung zwang ihre Tätigkeit nur noch auf Vortragsveranstaltungen auszurichten, und mit der politischen Neuordnung im mitteldeutschen Raum mußte die Akademie der Wissenschaften in Erfurt schließlich ihre nach außen sichtbare Arbeit Anfang der 50iger Jahre fast völlig einstellen und in eine längere Ruhephase eintreten, in der nur die nun in Westdeutschland/BRD lebenden Senatsmitglieder gelegentlich Aktivitäten verzeichnen konnten. Bald arbeitete aber auch in Erfurt selbst wieder ein kleiner Kreis zur Geschichte der Akademie. Und so hat es in den Jahren bis 1989 niemals an Stimmen der unterschiedlichsten Art gefehlt, die einer vollständigen Wiederaufnahme der Arbeit der Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt mehr oder weniger offen das Wort redeten. Aber der damals im östlichen Teil Deutschlands real existierende Sozialismus bot vorerts noch keinen Raum, eine gelehrte Gesellschaft wie die Erfurter mit neuem Leben zu erfüllen, an deren Wiege einst die unabdingbaren Forderungen nach Freiheit der Wissenschaft, völkerverbindender Zusammenarbeit und weltanschaulicher Toleranz gestanden hatten. Deshalb bedurfte es erst der Volkserhebung vom Oktober 1989.

Auf Bitte der noch lebenden Mitglieder der Erfurter Akademie der Wissenschaften und mit Initiative einiger Angehöriger der 1954 errichteten Medizinischen Akademie Erfurt sowie der Forschungsinstitute Jena-Beutenberg und der Universität Jena kamen hiesigen Ortes am 9. Februar 1990 Wissenschaftler aus Erfurt und Jena zusammen um die Wiederaufnahme der Arbeit der 1754 ins Leben gerufenen und 1949 zur vorübergehenden Einstellung ihrer Aktivitäten genötigten »Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt« zum einstimmigen Beschluß zu erheben. Fußend auf den liberalen Traditionen ihrer Gründungsväter und großen Förderer sowie den zukunftsweisenden Leistungen der berühmtesten ihrer Mitglieder auf das engste verbunden, ist es Ziel und Anspruch der Erfurter Gelehrtenvereinigung, als eine Gemeinschaft selbstlos handelnder und allein ihrem Gewissen verantwortlicher Persönlichkeiten von untadligem Ruf und allgemein anerkanntem wissenschaftlichen Profil den ungehinderten Kontakt über alle politischen und weltanschaulichen Grenzen hinweg wieder neu zu beleben und so auf ihre Weise einen angemessenen Beitrag zur Weiterentwicklung der Wissenschaft und damit zum allgemeinen Nutzen schlechthin zu leisten - dem alten Wahlspruch der Akademie getreu: »Propter Fructus Gratior«.

Die »Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt« auf neuen Wegen

Mit der auf Betreiben der noch lebenden Altmitglieder und einer Reihe engagierter Wissenschaftler aus Thüringen seit November 1989 vorbereiteten und schließlich am 9. Februar 1990 vollzogenen Wiedereröffnung der Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt wurde ein neues Kapitel in der Geschichte dieser altehrwürdigen Sozietät aufgeschlagen.

Gemäß ihren sich an die direkten Vorläufer von 1819 anlehnenden Statuten sieht sich die Akademie als ein Hort des freimütigen Meinungs-, Gedanken- und Erkenntnisaustausches von Wissenschaftlern aller Disziplinen und aller Länder und wendet sich dabei neben historischen Fragestellungen vorrangig den Problemen des Gemeinwohls, des Lebensraumes und des Zusammenlebens der Menschen zu. Daraus erwächst für die Erfurter Sozietät als eine thüringische Akademie der Wissenschaften die Aufgabe, neben den Universitäten, Hochschulen und anderen Forschungseinrichtungen ein geistiges Zentrum ihres Sitzlandes zu werden und die Gelehrten Thüringens untereinander und mit den Fachkollegen über die Grenzen hinaus zum interdisziplinären Gespräch zu vereinen. Mit ihren öffentlichen Sitzungen, den Publikationen sowie den langfristigen und akademiespezifischen Forschungsvorhaben wird sie die thüringische Wissenschaftslandschaft wesentlich bereichern, sich aktiv an den Prozessen der Wissenschaftsentwicklung beteiligen und im Verbund mit thüringischen Einrichtungen die Wissenschaften interdisziplinär fördern.

Wie schon in den unmittelbaren Jahren nach der Gründung 1754 hat die Erfurter Akademie erneut in verhältnismäßig kurzer Zeit und mit recht bescheidenen Mitteln ihr akademisches Leben gestaltet und den Kontakt zur wissenschaftlichen Welt hergestellt. Dank der verständnisvollen Bereitschaft zur vorübergehenden Zahlung eines Jahresbeitrages seitens der Mitglieder, Spenden und finanziellen Zuwendungen seitens des Landes Thüringen konnte im September 1990 das erste Heft der »Mitteilungen der Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt« herausgegeben und damit der Wiederaufbau der Tauschbeziehungen zu anderen Akademien, Universitäten und wissenschaftlichen Einrichtungen des In- und Auslandes, darunter auch zu einigen der ehemaligen rund 360 Partnern vor 1945, begonnen werden. Gleichzeitig vermehren die in Erfurt eintreffenden Bücher und Zeitschriften der in- und ausländischen Tauschpartner sowie die wertvollen Belegexemplare und Geschenke der Mitglieder die auf rund 8000 Titel angewachsene Bibliothek, die auch einen bescheidenen Restbestand von etwa 2000 Büchern aus der Zeit vor 1947 umfaßt.

Mit der Wiedereröffnung der Akademie konnten auch die Mathematisch-naturwissenschaftliche Klasse (MNK) und die Geisteswissenschaftliche Klasse (GK) ihre Arbeit fortführen. Gleichberechtigt nebeneinanderstehend bilden sie die Gesamtakademie, stellend je einen Vizepräsidenten und besitzen eigene Publikationsorgane. Nach den langen Jahren der Ruhe trafen sich am 26. September 1990 die Mitglieder der MNK und am 31. Oktober 1990 die der GK in dem mit der Geschichte der Akademie so eng verbundenen »Dacherödenschen Haus« in Erfurt zu ihren ersten Sitzungen und begründeten damit die seit 1991 wieder regelmäßig öffentlich stattfindenden Klassensitzungen der Akademie. Die hier von den Mitgliedern gehaltenen Vorträge widerspiegeln deren jeweilige Arbeitsgebiete sowie die neuesten Forschungsergebnisse und bilden die Inhalte der beiden Schriftenreihen »Sitzungsberichte der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Klasse« und »Sitzungsberichte der Geisteswissenschaftlichen Klasse«.

Im Januar 1991 wählten die Mitglieder der Gesamtakademie aus ihren Reihen den Präsidenten W. Köhler, Jena, sowie die beiden Vizepräsidenten H.-P. Klöcking, Erfurt / Leiter der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Klasse, und H. R. Abe, Erfurt / Leiter der Geisteswissenschaftlichen Klasse, und bestätigten diese erneut im Januar 1993. Diesen obliegt, gemeinsam mit den Senatoren aus ganz Deutschland und dem Sekretar, die Leitung der Akademie. In Abänderung der 1754 geübten Praxis des unbegrenzten Einzugsgebietes der Ordentlichen Mitglieder und im Gegensatz zu den seit 1819 üblichen Adjunktenkreisen (das preußische Erfurt sowie die beiden wettinischen Residenzstädte Gotha und Weimar) erwählt die Erfurter Sozietät nun ihre Ordentlichen Mitglieder aus ganz Thüringen und ihre Auswärtigen Mitglieder aus den anderen deutschen Bundesländern und dem Ausland. Darüber hinaus hat die Sozietät die Gelehrten und Altmitglieder G. Franz, Stuttgart; P. Hartig, Berlin; A. Reble, Würzburg, und Ehrensenator H. Tümmler, Essen, für ihre besonderen Verdienste um die Erfurter Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Ehrenmitgliedern ernannt.

Auf den Festsitzungen, den Klassensitzungen und den weiteren wissenschaftlichen Veranstaltungen der Akademie, darunter die mit internationaler Beteiligung durchgeführten und für Mit- und Nichtmitglieder offenen mehrtägigen Symposien »Mensch-Umwelt«, das 2017 bereits die 16. Ausführung erfährt, oder den mittlerweile 17 Tagungen der Projektkommission "Europäische Wissenschaftsbeziehungen", konnten zahlreiche Vorträge gehalten werden, die teilweise in den sechs akademieeigenen Schriftenreihen veröffentlicht wurden. Dabei handelt es sich um das »Jahrbuch der Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt« sowie die »Sitzungsberichte« beider Klassen, die »Sonderschriften der Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt«, die »Acta Academiae Scientiarum«, die "Europäischen Wissenschaftsbeziehungen" sowie die "Subsidia Academica". Diese Publikationen geben einen interessanten Überblick über das akademische Leben der Sozietät und erscheinen in der Regel jährlich oder alle zwei Jahre.

Zu den spezifischen Aufgaben der »Akademie gemeinnütziger Wissenschaften« zu Erfurt gehören neben ihrem Wirken als gelehrte, das wissenschaftliche interdisziplinäre Gespräch fördernde und publizierende Gesellschaft auch das Betreuen langfristiger Forschungsvorhaben. Nach einer Erarbeitungsphase wurden deshalb 1993 fünf Kommissionen gebildet, die die Forschungen zu den unterschiedlichsten Projekten koordinieren, betreuen und in Anbetracht der geringen Mittel in enger Zusammenarbeit mit anderen Partnern durchführen sollen.

Die aufgezeigten Ergebnisse der bisherigen Arbeit der Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt sind Beweise für die Leistungsfähigkeit der einzigen thüringischen Akademie und Beleg für die Richtigkeit des bisher beschrittenen Weges zu einem erfolgreichen Wissenschafts- und Forschungszentrum, das sich mit seinen Aufgabenstellungen und seinem Erkenntnisgewinn als ein wertvoller, innovativer Bestandteil der thüringischen Wissenschaftslandschaft ausweist.

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